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Klimawerkler unterwegs auf den Spuren des Wunders von Mals

Datum: 12.10.2018


Auch heuer waren wir Klimawerkler wieder zu einer Exkursion unterwegs.
Diesmal fuhren wir für drei Tage nach Mals im oberen Vinschgau. Mals hat auf sich aufmerksam gemacht, als seine Bürger in einer Volksabstimmung entschieden, eine pestizidfreie Gemeinde zu werden. Ein hoher Anspruch, wenn rundherum der intensive Apfelanbau voranschreitet.
Im intensiven Apfelanbau werden viele verschiedene Pflanzenschutzgifte gespritzt. Die Zahlen gehen auseinander: zwischen 25 und 50 Spritzungen werden im Jahr getätigt. Gegen Schorf, Ungeziefer, Mehltau und vieles andere. Im vergangenen Jahr zeigte eine erschütternde Untersuchung, dass der Rasen der meisten untersuchten Kindergärten stark mit Pestiziden belastet ist.

Seit Jahren beobachten wir nun diese Gemeinde und seine Bürger in ihrem tapferen, mutigen Streben, denn der Wind gegen ihren Widerstand bläst mächtig. Fast erinnern die Malser an ein „kleines gallisches Dorf“…
Wir wollten „Das Wunder von Mals“ mit eigenen Augen sehen, interessante Menschen und ihre Lebenswege kennenlernen, die wunderbare Landschaft entdecken und uns Südtiroler Spezialitäten schmecken lassen. Viele Vorbereitungen wurden getroffen – und dann gings los:

Der Reschensee – und ein Paradies
Am Freitag, den 12. Oktober brachen wir um 7 Uhr auf und erreichten nach einer ausgiebigen Brotzeitpause (wie immer mit lauter mitgebrachten Schmankerln) und einem weiteren Stopp am Reschensee in Burgeis den „Paradiesgarten“ von Edith und Robert Bernhard. Bei herrlichstem Herbstwetter zeigten uns die beiden ihr Paradies auf 1100 Meter Meereshöhe – in Hanglage mit direktem Blick aufs Ortlermassiv. Leider ist im Oktober nicht mehr so viel zu sehen wie im Juni, aber hunderte Kräuter standen im Samenstadium! Bekannte, aber auch unbekannte: Geißraute, Balsamblatt, kreuzblättrige Wolfsmilch. Außerdem gab es viele verschiedene Sorten von Gelben Rüben und anderem Gemüse (der Spargel ist überall anzutreffen – nicht nur auf dem angestammten Beet!), Bäume mit alten Obstsorten und alles andere, was das Herz begehrt! Die Bernhards sind im Vinschgau bekannt für ihren Versuchsanbau alter Getreide- Obst- und Gemüsesorten und für Ihre Bemühung um die Erhaltung und Weitergabe von Saatgut. Von den beiden erhielten wir viele Informationen über Kräuter, Saatgut und Bodenkultur. Sie beeindruckten uns durch ihre selbstverständliche und einfache Art, die eigene Überzeugung zu leben.

Danach gings weiter zum Hotel Greif mitten in Mals, wo wir von Robert Sagmeister und Familie mit Apfelstrudel und Birnen-Kaskuchen verwöhnt wurden. Auf der Sonnenterrasse mit Blick auf die Kirche gabs schon wieder viel zu Ratschen über die Eindrücke. Danach fuhren wir nach Stilfs, wo wir für zwei Übernachtungen unser Quartier bezogen und uns ein feines Südtiroler Menü mit Kürbissuppe und Schlutzkrapfen schmecken ließen.

Besuch in prämierter Biokäserei
Am nächsten Morgen mussten wir „früh raus“: um 9 Uhr waren wir schon in der Käserei Englhorn bei Alexander Agethle und Sonja Sagmeister angesagt. Die beiden haben einen Bio-Milchviehbetrieb mit extensiver Haltung von 12 Kühen der alten Rasse Tiroler Braunvieh, den sie mit viel Liebe und Kreativität so aufgebaut haben, dass sie davon leben können (im Gegensatz zu Alexanders Eltern, die den Hof - mit vielfach ausgezeichneten Hochleistungskühen - im Nebenerwerb betrieben…).
Als wir ankamen, war Sonja gerade auf dem Weg nach Bologna zu einer Käseprämierung: von 1000 Betrieben, die ihren Käse eingesandt haben, waren sie in die Auswahl der besten drei gekommen. Alexander erzählte uns einiges von seinem und Sonjas Werdegang und zeigte uns dann in den Stall, in dem vier Kälbchen auf einer dicken Schicht Stroh lagen. Seit einigen Jahren werden auch die Stierkälber nicht mehr verkauft, sondern in Kooperation mit einem Demeter-Weinbauern im Winter in dessen Weinberg gehalten: Sie grasen dort und düngen die Flächen. Im Sommer ziehen alle Tiere auf die Alm. So ist allen geholfen, denn auch die Rebengesundheit und die Weinqualität steigert sich von Jahr zu Jahr. Sonja und Alexander bewirtschaften 10 ha Fläche – 4 ha davon gepachtet. Hier kam zum ersten Mal das Thema Grundstückspreise ins Gespräch: in den vergangenen Jahren haben sie sich durch den intensiven Apfelanbau vervielfacht. Kostete 2008 ein m2 landwirtschaftlicher Nutzgrund 11 €, so muss heute mit einem Preis von bis zu 80 € pro m2 gerechnet werden. Apfelbauern können diese Preise bezahlen. Milch- und Ackerbauern nicht. So wandern die Apfelplantagen vom unteren Vinschgau, wo sie allerorten sind, auch bis zur Malser Haide unterm Reschen. Und mit ihnen die Pestizidbelastung.
Vieles Interessante haben wir von Alexander gehört über kreatives Umgehen mit Herausforderungen und Neugier. Nach einer feinen Käse-Brotzeit mit selbstgebackenem Vollkornbrot haben wir natürlich auch Käse mitgenommen.

Wanderung über den Oberwaal
Mittags trafen wir uns dann im Zentrum von Mals mit Katharina Hohenstein, die uns durch den Florapark und auf dem Oberwaal über die Malser „Hoache“ (die „hohen Äcker“) zum Cafe Margronda führte. Das Cafe wurde im Rahmen eines Biodiversitätsprojektes errichtet und bewirtet heute Wanderer. Auch wir wanderten - durch Flächen, auf denen bis vor wenigen Jahren fast ausschließlich Getreide und Gemüse angebaut wurde und Vieh weidete. Seit etwa 10 Jahren nehmen die Apfelplantagen mit ihren Zäunen und drei Meter hohen Betonstangen und schwarzen Hagelschutznetzen jährlich zu. Bei der 1 ½ stündigen Wanderung erfuhren wir von Katharina viel über die Geschichte von Mals und der schnellen Veränderung der Landschaft, die mit den Apfelmonokulturen kommt. Sie erzählte uns über Biodiversität und die Volksabstimmung zur pestizidfreien Gemeinde.

Vom Apfelanbau und Angriffen
Im Cafe Margronda bei Lydia Thanei – wieder mit einem herrlichen Blick auf die weiß angestaubten Berge -trafen wir Ägidius Wellenzohn, der seine Felder und Obstkulturen seit 30 Jahren ohne Kunstdünger und Pestizide bestellt. Er erzählte uns, wie er seine Böden pflegt und seinen Hof bewirtschaftet. Es geht also auch anders! Ägidius empfiehlt, die „ganze“ Rechnung zu machen: Von Einkünften, die mit Äpfeln erzielt werden, müssen Kosten für Saisonkräfte, Sprit und Spritzmittel abgezogen werden. Und schon ist die hohe Erntemenge nicht mehr das einzige Ziel! Und: was ist eigentlich ein giftfreier Apfel wert? Er erzählte uns auch von seiner Technik des Mulchens und der Bodenbearbeitung: Sofort kamen von uns Fragen zu Ameisen und Mehltau und Ägidius konnte uns weiterhelfen. Sehr betroffen machte uns, dass 2017 eines Tages ein Teil seiner Bäume kurz vor der Ernte so stark mit Glyphosat belastet waren, dass sie eingingen und die Äpfel als Sondermüll entsorgt werden mussten. Dieser Gewaltakt (der nicht aufgeklärt werden konnte) zeigt die Energie, mit der ein regelrechter Kampf geführt wird. Ägidius sagte eindringlich „Rechte musst du einfordern, sonsch hasch keine!“ Er meinte damit das Recht darauf, biologische, unbelastete Lebensmittel anbauen zu können. Und das ist bei der gängigen Spritzpraxis der konventionellen Apfelbauern nicht wirklich zu machen. Der Wind macht eben an der Grundstücksgrenze nicht halt. Wir Klimawerkler kannten das von der Diskussion um die Gentechnik. Aber für uns Inzeller ist das weit weg (vorausgesetzt, wir kaufen ungespritztes Obst – oder bauen es selbst an). Für die Vinschger ist es der Alltag: Abdrift von giftigen Pestiziden - hinein in Nachbargärten und auf Heuwiesen oder Kinderspielplätze…

Auf dem Tartscher Pichl
Nachdenklich brachen wir wieder auf und marschierten – diesmal durch die genannten Apfelplantagen – bis zum „Tartscher Pichl“, einer kleinen felsigen Erhebung südlich von Mals. Dort konnten wir zufällig einer Führung in der alten romanischen Kirche mit außergewöhnlichen Fresken beiwohnen. Dieser Bichl ist wirklich ein besonderer Platz: in vorchristlicher Zeit diente er als Versammlungs- und Siedlungsort. Die Stimmung während des Sonnenuntergangs war einfach beeindruckend. Hier konnten wir auf das mittelalterliche Städtchen Glurns sehen und Ägidius zeigte uns von oben seinen 2000 m2 großen Hausgarten, erzählte vom rätoromanischen Erbrecht und ließ uns seine mitgebrachten Topas-Äpfel kosten. Und wir kosteten auch die ganze Situation aus: Bevor wir wieder weitergingen von diesem berührenden Ort, sangen wir noch gemeinsam das Lied „Segne du Maria“.

Im ersten Biohotel Italiens
Das letzte Stück Weg brachte uns zum Biohotel Panorama zu Dorothea und Friedrich Steiner. Dort hatten wir uns zum Abendessen angesagt. Es gab ein feines Südtiroler Menü.
Danach durften wir bei Schnapsbrenner„Friedl“ Steiner eine Bio-Schnapsverkostung machen. Der Hotelier aus Begeisterung erzählte uns dabei auch, wie er zum Inhaber des 1. Bio-Hotels in ganz Italien wurde: Wieder eine Familie, die aus einer Not eine Tugend machte. Bei der Abfahrt trafen wir noch Bauernobmann Günther Wallnöfer, der uns erzählte, dass Alexander und Sonja mit ihrem Käse bei der Prämierung den 1. Preis geholt hatten! Zufrieden mit einem beeindruckenden Tag, glücklich - auch mit den „Englhornern“ über ihre Auszeichnung - und leicht beschwipst traten wir die Heimreise nach Stilfs an…

Wie wird kaltgepresstes Öl hergestellt?
Am Sonntag war für einige noch Zeit, ein wenig durch das Bergdorf Stilfs zu spazieren. Danach fuhren wir zu Katharina und Daniel Primisser. Die beiden bewirtschaften ihren Moleshof in Prad nun in der zweiten Generation biologisch. Sie bauen hauptsächlich Kartoffeln und Getreide an. Katharina presst zudem seit einigen Jahren noch feine Ölsaaten in Rohkostqualität zu herrlichem nativem Öl! Nach einer Besichtigung von Ölmühle und Kollergang (für die Herstellung von Nußmusen) durften wir auch viele verschiedene Öle verkosten und haben uns dann mit den Schmankerln eingedeckt. Gar nicht so einfach: Haselnuß- oder Lein- oder Kürbiskernöl. Oder besser Hanf- oder Sesamöl? Oder Schwarzkümmelöl…?

Beim Kulturwirt lässt sich gut Knödelessen…
Und nun befanden wir uns schon wieder auf dem Weg in Richtung Heimat! So schnell waren die beiden Tage vergangen. Zum Abschluss machten wir noch einen Abstecher nach Plawenn. Auf 1700 Meter Meereshöhe sieht man von der Passstraße aus einen prächtigen „Ansitz“ thronen. Ein Ansitz war Wohnsitz adliger Grundherren. Dort in Plawenn 1 wohnt Konrad Messner. Der Kulturwirt hat viel zur Entwicklung des oberen Vinschgau beigetragen. Fast jeder, mit dem wir gesprochen haben, hat von Konrad erzählt. Und Konrad hat uns in seine „gute Stube“ eingeladen und mit 4erlei Knödeln (Käse-, Mangold-, Melde- und Rote-Beete-Knödel) und Salat aus dem eigenen Garten (die letzten Tomaten Mitte Oktober auf 1700 Meter!) verköstigt. Dazu gabs auch Melissen- oder Hoirasirup, Leitungswasser und – wer mochte – ein Glaserl Wein. Ein feines Essen in ehrwürdigen Räumen, bei dem uns auch die Malser Kinderärztin Dr. Elisabeth Viertler besuchte. Sie war es, die Hubert und Elisabeth Koch half, alle Kontakte herzustellen – schön, dass sie am letzten Tag die Zeit fand, mit uns zu essen (am Abend vorher kam sie erst von einer Homöopathie-Fortbildung aus Traunstein zurück nach Südtirol). Nach dem Essen haben wir auch von Konrad noch einiges erfahren über seine Beweggründe und sein Tun. Ein interessanter Mensch. Wie alle, die wir getroffen haben auf unserer Reise.

Eine bewegende Geschichte
Beeindruckend war´s. Eine bewegende Geschichte, die uns lange beschäftigt. Wie kann ein gutes Leben ausschauen. Ohne Pestizide? Die Malser machens vor! Wir wünschen Ihnen von Herzen viel Kraft, denn die werden sie brauchen! Uns jedenfalls wurde bewusst: die Malser „kämpfen“ auch für uns alle. Sie streben nach einem Erhalt ihrer Vielfalt. Nach unbelasteten Lebensmitteln und giftfreien Spielplätzen für ihre Kinder oder die Möglichkeit Bio-Heu zu ernten ohne Pestizide! Wir haben eine reiche Gegend kennengelernt. Wenn der Reichtum vielleicht auch nicht so ausschaut, wie manch einer denkt. Diese Gegend beherbergt Schätze der anderen Art: eine einzigartige Landschaft. Besondere Menschen, die unbeirrt ihren Weg gehen und sich auch trauen, neue Wege zu wagen. Wir durften einige von Ihnen kennenlernen!
Sche war´s! Und interessant. Zum Nochdenga und ganz tiaf berührend.
Vielleicht kemma wieder, wer woaß?
Ein ganz großes Dankeschön geht an dieser Stelle an Marietta Maier für ihr liebevolles und kompetentes Organisieren unserer schönen Exkursion!
Und an Werner Bauregger fürs Kürzen dieses langen Textes, so dass er auch in unserem Gemeindeanzeiger Platz finden wird: Dankschön, Werner!